Vorschau: Emine Balfi – Maulbeerstock und Minirock

Posted on Sep 25, 2014 in Neuerscheinung
Vorschau: Emine Balfi – Maulbeerstock und Minirock

Im November erscheint im Free Pen Verlag das erste Buch von Emine Balfi »Maulbeerstock und Minirock – Memoiren eine untypischen Gastarbeiterin«.

Von ihrer Mutter gezüchtigt und missbraucht in ihrer Kindheit in Adana, erlebt Emine eine unvergleichliche Entwicklung zur selbstbewussten, emanzipierten Frau. Als Gastarbeiterin der ersten Generation in Deutschland, versucht sie die Familie in der Türkei vor dem finanziellen und partnerschaftlichen Ruin zu retten. Doch das Leben führt sie auf einen anderen Weg, immer weiter aus dem engen Korsett familiärer Verstrickungen in eine Freiheit, der sie nicht zuletzt durch ihre Kleidung Ausdruck verleiht: provozierend sexy bis respektgebietend elegant begegnet Emine Verwandten, Freunden und Vorgesetzten. Doch so sehr sie sich auf ihrer Odyssee durch deutsche Arbeitsstellen von ihren Landsleuten ab- und den Deutschen zuwendet, ihre türkische Heimat bleibt ein Teil von ihr: Ein Spagat zwischen den Kulturen, den sie auf ihre ganz eigene Weise immer wieder aufs Neue vollführt.

Die Buchvorstellung findet statt am 2. Dezember 2014 um 19.30 Uhr im MIGRApolis, Brüdergasse 16 – 18, 53111 Bonn.

Emine Balfi wurde 1944 in Adana, im Süden der Türkei, geboren. 1966 Ausreise als Gastarbeiterin in die Bundesrepublik Deutschland. Zahlreiche Stationen in verschiedenen Firmen, vorwiegend in Heidelberg und Umgebung. Die Autorin lebt heute in Remagen. Maulbeerstock und Minirock ist ihr erstes Buch.

Textauszug:

»Du gehst nach Deutschland!« Mein Mann verkündete seine Entscheidung wie einen Richterspruch. Als wäre ich zum Arbeitslager verurteilt. Nur hatte ich den Prozess verpasst. Tatsächlich hatte er insgeheim schon wochenlang Vorbereitungen getroffen. Ich sollte ohne ihn fahren und er würde später nachkommen. 1961 hatte Deutschland mit der Türkei ein Anwer-beabkommen abgeschlossen, wie zuvor schon mit Italien, woraufhin viele meiner arbeitslosen Landsleute für eine befristete Zeit nach Deutschland zogen. Dort bezeichnete man sie als Gastarbeiter, ein Begriff der sich einbürgerte und selbst dann noch verwendet wurde, als die zeitliche Befristung schon längst nicht mehr bestand. Leyla, eine Cousine meines Mannes war eine von ihnen. Sie lebte mit ihrer Schwester Gülafer in Eberbach und hatte mich bei Brown, Boveri & Cie., ein elektrotechnisches Werk, in dem sie arbeitete, als Gastarbeiterin angemeldet. So erwirkte sie die vorgeschriebene Firmeneinladung, die sie zusammen mit ihrer privaten meinem Mann zukommen ließ. Es traf mich wie ein Hammerschlag. Nie zuvor hatte ich an diese Möglichkeit gedacht. Was sollte ich in Deutschland? Meine Kinder waren klein, mein Platz war hier in Adana bei ihnen. Endlose Diskussionen folgten, in denen mein Mann mir versprach, dass dieser Schritt unsere Ehe retten würde. Es würde ihm helfen, von der anderen Frau los zu kommen. Wir würden wieder eine glückliche Familie werden. Wie naiv ich doch war. Ich glaubte ihm schließlich, hoffte auf ein normales erfülltes Familienleben und tröstete mich mit dem Gedanken, dass alles nur vorübergehend sei. Schließlich galt die Einladung ja nur für ein Jahr. Ich sollte mich irren. Für die Einreise nach Deutschland brauchte ich ein ärztliches Attest. Das aber scheiterte zunächst an zwei Dingen, die die Untersuchung zutage brachte: Zum einen fehlte mir ein Zahn und zum anderen war ich schwanger. Die Zahnangelegenheit war mit ein paar Zahnarztbesuchen schnell erledigt, die Schwangerschaft aber sollte mich fast das Leben kosten. Doch mein Entschluss stand fest: Von diesem Mann wollte ich kein weiteres Kind mehr. Er aber war gegen eine Abtreibung und hielt mir vor, dass er kein Geld habe, und dass es Sünde sei. Ausgerechnet er. Ich war außer mir: »Und du? Ist das, was du machst etwa keine Sünde? Fass dir erst einmal an die eigene Nase, bevor du mich eine Sünderin nennst.« Eine abgrundtiefe Hilflosigkeit überfiel mich. Mit meiner Mutter konnte ich nicht reden, mein Vater kam mich des Öfteren besuchen, aber auch er sprach nie mit mir über mein Leben, meine Gefühle, meine Pläne, gab mir nur manchmal etwas Geld. Schließlich bat ich meine Schwiegermutter jemanden zu finden, der mir das Kind wegmachte. Egal wie und egal, ob ich dabei sterben würde, denn ich war schon im dritten Monat. Sie führte mich zu einer Frau, die mir ein Zäpfchen gab. Es dauerte nicht lange, da bekam ich Schmerzen, die sich über die Grenze des Erträglichen steigerten. Solche Schmerzen hatte ich nicht einmal bei den beiden Geburten gehabt. Als es am nächsten Tag nicht besser wurde und nichts passiert war, schickte sie mich ins Hamam, ins türkische Bad. Außerdem ordnete sie an, dass ich keinen einzigen Schluck Wasser trinken dürfe, das würde mich vergiften. In der folgenden Nacht durchlitt ich Todesqualen. Meine Lippen platzten vor Trockenheit, die Augen traten aus meinem Kopf. Er fühlte sich an, als hätte man mich an den Haaren aufgehängt. Meine Mutter, meine Schwiegereltern, die Oma und unsere Nachbarn – alle waren sie da, saßen um mich herum und beteten. Nur mein Mann nicht. Der war wieder bei der anderen Frau. Mein Schwiegervater schließlich ging mitten in der Nacht zu einem Nachbarn, der Obst verkaufte und bat um ein paar Stücke, um mir wenigstens mit ein wenig Feuchtigkeit Linderung zu verschaffen. Am nächsten Morgen war es soweit. Meine Schwiegermutter stellte mir einen Eimer hin. Ich sollte nicht auf die Toilette gehen, sie wollte sehen, was herauskam. Dann berichtete sie von einem Stück Fleisch, ein Mädchen sei es vermutlich gewesen. Ich weigerte mich, es anzuschauen. Aber trotz des hohen Blutverlustes war nicht alles weggegangen, wie sich später herausstellen sollte. Aber zumindest schien das Schlimmste überstanden. Am Morgen kam mein Mann nach Hause. Meine Schwiegermutter spuckte ihm ins Gesicht und ich sagte: »Du würdest wahrscheinlich nicht einmal zu meiner Beerdigung kommen.« Aber es schien ihm egal zu sein, was wir sagten oder taten.

9783945177075