9783945177082Eine maghrebinische Odyssee
2014
Klappenbroschur, 188 S.
ISBN 978-3-945177-08-2
€ 12,90

ZeitOasen Ist eine Liebeserklärung an Marokko und seine vielfältige Geschichte.
Das Buch ist zugleich die Beschreibung einer Reise ins Ungewisse einer fremden Kultur, an der sich die eigene spiegeln lässt.

»Wer in die Wüste geht, kehrt als ein anderer zurück« (arabisches Sprichwort)

Textauszug:

Kamel ist im Arabischen kein Schimpfwort sondern eine Liebkosung. Was also denkt ein Berber, wenn er seine Frau liebevoll sein Kamel nennt? Ist es der getragenen Lasten geschuldet, die überall hier von den Frauen geschultert werden, während die Männer hochaufgerichtet mit einem Stecken nebenhergehen, um so die Ehre der Frau besser verteidigen zu können?
»Mein Kamel!«, sagt der Berber. Und ich frage mich, ob er sie bewundert, wenn er sie so nennt, denn sie ist ja, was das Essen und Trinken angeht, viel bescheidener als er.
Du Kamel! Möchte ich ihr dann zurufen – und dieser Ruf hat nichts Zärtliches an sich.
Keine Arganien mehr, stattdessen wächst hier nun Eukalyptus zwischen dem gelblichen Geröll, das zu flachen Mauern aufgeschichtet geschützte Flächen für die Gerste bietet.
Die in das poröse Gestein geschnittene Straße windet sich auf und ab an trockenen Canyons vorbei.
Georg nimmt meine Hand. Merkt er, dass es mir übel geworden ist? Ich konzentriere mich ganz auf den Druck, mit dem seine Hand mir deutlich macht: Ich bin da und fühle mit dir. Und mein Magen beruhigt sich.
Ich schaue auf die Hand, die die meine hält und muss an die Frauen in der Cooperative denken. Dattelernte und Teezubereitung sind bei den Berbern Männersache. Die Herstellung des Arganöls aber ist die Sache der Frauen:
Sie sind die Herrinnen über das flüssige Gold Marokkos.
Es ist eine mühsam erworbene Herrschaft. Aber sie sichert ihnen ein geregeltes Einkommen, zuverlässiger und besser als der Stock in der Hand ihrer Männer.
Mit kehligen an Jodeln erinnernden Tönen einer älteren Frau waren wir empfangen worden. »Das ist ein Zrerid«, hatte man mir erklärt, ein Begrüßungsgesang, der die Freude über den eingetroffenen Besuch zum Ausdruck bringen soll. Zu Hochzeiten und zu Beerdigungen werden die Frauen eingeladen, die die von den Müttern an die Töchter weitergegebenen Tonfolgen beherrschen. Denn ein Herrschaftsanspruch scheint in den selbstbewusst in den Raum geschleuderten Tönen zu liegen: Hier ist mein Heim und ich heiße dich bei mir willkommen!
Die Frauen hatten im Halbkreis an die Wände des Raumes gelehnt auf dem Boden gesessen, jede mit einem der erforderlichen Prozesse für die Herstellung des Öls beschäftigt: Einige Frauen hatten die olivenartigen Früchte entkernt und die bittere Haut, die als Viehfutter dient, in Körben gesammelt. Der sehr harte Kern war von der Nächsten mit einem Stein aufgebrochen worden, und nur die Samen hatten sie in einem Behälter gesammelt.
Sie hatten uns demonstriert, wie die gerösteten Samen auf dem Mahlstein gemahlen werden, um das Öl in einem größeren Steinbottich aufzufangen. Die sich dabei absetzende feste teigartige Masse hatten sie geknetet und immer wieder mit Wasser versetzt, um so das Öl aus dem schweren Teig zu gewinnen. Die übrigbleibende harte Masse erinnert an ausgetrocknetes Brot und dient als Viehfutter.
Die Frauen arbeiten im Schichtdienst: Vier Stunden vormittags und vier nachmittags. Sie verdienen auf diese Weise 150,– Euro pro Monat und sind am Gewinn aus dem Verkauf des Öls beteiligt. Und auch die Schwangeren kommen durch Heimarbeit zu einer gewissen Selbständigkeit.
Eine der Frauen hatte mich eingeladen, mich neben sie zu setzen und ich hatte versucht, ihren Mahlstein in Drehung zu bringen. Es ging, aber der Stein war schwer, und ich wusste, dass meine Schulter nach kurzer Zeit schmerzen würde.
Die Leiterin der Cooperative hatte gelacht und mir gesagt, dass auch die Frauen in geregelten Abständen ihren Arbeitsplatz wechseln würden.
Zweifelnd hatte ich einen der Kerne in die Hand genommen: Von fern her waren wir in diese fremde Welt gefallen, in der die Hand–Arbeit noch die Maschinerie aus Säen und Ernten in Gang hält, wo das Öl, das sie antreibt, noch nicht durch Anteilsscheine ins Virtuelle verschoben worden ist. Wir hatten dort gestanden, hatten den fremdartigen rauen Tönen gelauscht, die aus der Kehle der Ältesten kamen, und den Frauen bei ihrer Arbeit eine Weile zugesehen, hatten ein paar Fragen gestellt, die uns die Vorarbeiterin beantwortete und waren dann höflich aber bestimmt von ihr hinausbegleitet worden: Die Nuss zu zerschlagen hatte ich gar nicht erst versucht.
Ein neuer Zrerid wurde angestimmt, denn die nächsten Gäste waren angekommen. Ein Reisebus hatte sie gebracht, das moderne trojanische Pferd, das in seinem Bauch die Gesetzmäßigkeiten bündelt, die die alten Mauern der Traditionen zum Einsturz bringen werden und einzig noch die übrig lassen werden, die für das freie Spiel des Marktes kein Hemmnis darstellen.
Georgs Hand lässt mich nicht los, bildet im Gegenteil mit der zweiten einen Schutzraum, eine Höhle, die mir Sicherheit und Halt vermitteln will. Draußen ist Nebel. Die Gerste spielt ins Graue, dann Sandberge wie von Grünspan überzogen. Vor uns dichteres Gehölz mit kleinen gelben Blüten, Ziegen, zu Hunderten und dann hinter einer letzten Sanddüne:
Der Atlantik. Auch er kann sich für keine eindeutige Farbgebung entscheiden und lässt keine klare Horizontlinie erkennen. Dort drüben, wo das helle Grau der Schaumkronen und das des Himmels sich zu einer dunklen Masse verdichten, könnte in der Vorstellung der Alten der äußerste Punkt der Welt gelegen haben. Hier wäre es möglich, dass Charon mit seinem Schiff die Linien kreuzt und mit dem Bug voraus auf den Sand setzt, um den müden Wanderer aufzunehmen.

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