9783945177341Die Ambivalenz im Schlaf der Dinge

Roman, 1. Auflage 2016, 204 S., Broschur
ISBN 978-3-945177-34-1 € 10,00

Shakespeare starb vor 400 Jahren. Aber sein Geist treibt immer noch reiche Früchte. Auch in dieser Erzählung hat Prospero mir mit seinem Zauberstab geholfen, trotz heftigen Schneetreibens an einem Nikolaustag in einem Trödelladen den Zauber eines Sommernachtstraums zu beschwören und alles in einem Wintermärchen enden zu lassen.

 

 

 

 

Auszug:

Der Zauberer

»Dreaming of a white Christmas«?

Alles lag so weit, viel zu weit hinter den Regentropfen, die an das Fenster klopften. Aber dann, »Schneeflöckchen, Weißröckchen«, ging der Regen in leichten Schneefall über – Heimweh?

Da war der kleine Laden wieder und das »Gleich« hatte sich verflüchtigt in ein Jetzt und Hier: Ein schwaches Licht lag über den Auslagen neben dem Eingang und die Türe ließ sich öffnen.

Unschlüssig stand sie auf der Schwelle. Der im Halbdunkel liegende Raum erschien ihr wie eine Höhle, in der sich in einem Ballett des Banalen kunterbunt zusammengewürfelte Gegenständen in gleichgültiger Nachbarschaft vor langer Zeit einmal gesammelt hatten zu einem Tempel von Nutzlosigkeiten. Ein Kinderparadies, dachte sie lächelnd. Sie musste an Lothar denken und sein Versteck in einer Mauernische des Nachbarhauses, in dem er als Fünfjähriger seine Kostbarkeiten vor dem Zugriff der älteren Geschwister aufbewahrt hatte: Eine gefundene Sonnenbrille, Glasmurmeln, das Spitzentaschentuch der früh verstorbenen Mutter mit Monogramm, die Leselupe des Großvaters, ein paar Nägel und Schrauben, ein Hammer und einiges Tauschgut. »Mein Schatz«, hatte er augenzwinkernd erklärt und ihr von der Aufregung damals erzählt, als ein Nachbar zufällig das Diebeslager, für das er es hielt, entdeckt hatte.

In dem schmalen Raum war niemand zu sehen. Ein kalter Luftzug fuhr ihr über den Rücken. Die Türe ächzte in den Angeln, schien unwillig, sich dem Druck ihrer Hand zu beugen, als sie sie zu schließen versuchte.

Ihr »Hallo, ist da jemand?« brachte keine Antwort.

Stattdessen schob sich eine Gestalt in schwarzen Jeans und ebensolchem Pullover rückwärts in gebückter Haltung aus einem Vorhang, der eine schmale Öffnung verschloss, richtete sich auf, drehte sich um und betrachtete sie neugierig. Es war eine junge Frau mit dunklen schwarz umrandeten Augen. Die streichholzkurzen tiefschwarz gefärbten Haare lagen ihr helmartig um den Kopf.

Sogar die Lippen der jungen Frau waren in gleicher Farbe geschminkt.

Eine schwarze Madonna, dachte sie und überlegte, ob dieser Eindruck von der jungen Frau beabsichtigt war.

»Oh«, sagte die, mehr nicht, drehte sich wieder um und beugte sich der Öffnung entgegen, um eine längliche Kiste in den Raum zu ziehen. Der Gegenstand schien sich nur schwer von der Stelle bewegen zu lassen. Sie wollte ihr zu Hilfe kommen, aber da hatte die Andere ihn schon mit einem energischen Ruck aus dem Verschlag gezogen. Nun war zu erkennen, dass es sich bei der Kiste um einen der mittelgroßen Holzkoffer handelte, die früher für die Heckträger der Oldtimer gedacht waren. Warum war er so schwer? Die junge Frau schien das nicht zu interessieren. Sie zuckte nur die Achseln, drehte sich um und stolperte dabei über den Koffer, so dass er umfiel. Wieder verschwand sie in der nun zugänglichen Öffnung. Der helle Klang von aneinanderstoßenden Gläsern drang aus dem dahinter liegenden Verschlag.

»Auch einen?« fragte die schwarze Madonna und hielt ihr kurz eines der winzigen türkischen Teegläser entgegen, um gleich darauf, ohne ihre Antwort abzuwarten, vorsichtig über den umgefallenen Koffer zu steigen und ihr eins der Gläser in die Hand zu drücken.

Mit einem »Danke« nahm sie es entgegen und lächelte die junge Frau an.

»Alles ziemlich eng hier, nicht?«

Aber die hob nur wortlos die Schultern und betrachtete sorgenvoll ihre langen ebenfalls schwarz lackierten Fingernägel. Dann fragte sie ohne aufzuschauen:

»Suchen Sie etwas Bestimmtes?«

Bestimmt, dachte sie, was ist mir bestimmt? Und während sie dabei den Blick über die im Raum verstreuten Gegenstände schweifen ließ, setzte die junge Frau immer noch in die Betrachtung ihrer Nägel vertieft hinzu:

»Die meisten, die hierher kommen, wühlen nur herum!«

Es klang, als sei ihr das ganz recht. Überrascht fragte sie sich, welche Rolle die junge Frau hier spielte. Spielte das eine Rolle? Meine Rolle, deine Rolle, dachte sie. Welche Rolle hielt die Zukunft für sie beide noch bereit? Und für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass ihr Puls aussetzte. Sie schloss kurz die Augen und atmete tief ein und aus.

»Ich bin an dem Puppenhaus da drüben interessiert, können sie mir darüber etwas sagen?«

Nach einem Schluck Tee schaute die Andere abwägend eine Weile auf das Haus, dann auf sie, als suche sie nach einer Verknüpfung zwischen ihm und ihr. Dann drehte sie den Kopf ganz langsam von rechts nach links und von links nach rechts, als sähe sie das Ladeninnere zum ersten Mal und müsste sich darin erst zurechtfinden.

»Nee«, sagte sie dann, drehte sich um, setzte sich in den kleinen französischen Sessel an der Hinterwand und stellte ihre Füße auf den umgefallenen Koffer.

»Da müssen Sie den Chef fragen. Ich halte hier nur aushilfsweise die Stellung«.

Auch sie ließ nun wie die junge Frau ihren Blick über die Vielzahl der im Raum zusammengedrängten Gegenstände gehen. Es schien ihr, als bildeten sie in ihrem dichten Neben- und Übereinander ein energetisches Zentrum, einen Fixpunkt, um den die Menschen draußen unter Regenschirme geduckt auf der Suche nach letzten Weihnachtsgeschenken vorbeihastend kreisten, immer schneller und hektischer auf der Suche nach der dazugehörigen obligatorischen Stimmung, die ihnen auf der Jagd nach Schnäppchen und Preisrabatten verlorengegangen war.

»Dashing through the snow«, dachte sie, und «Aladdins Höhle”. Welcher gute Geist würde ihr helfen, hier wieder hinauszufinden. Dabei schaute sie in das Teeglas, das sie immer noch in der Hand hielt und fuhr nachdenklich mit der Spitze ihres Zeigefingers über seinen schmalen Goldrand.

»Wann kommt er denn wieder?« fragte sie nun ein wenig ungeduldig.

Aber das brachte die Andere nicht aus der Ruhe. Sie hob nur leicht die Schultern und schaute erneut stirnrunzelnd auf ihre Fingernägel:

»Gleich, hoffe ich, das hat er jedenfalls auf die Karte geschrieben!«

»Hoffentlich, ich habe nicht viel Zeit!«

»Ich auch nicht«, nickte die junge Frau, »ich bin verabredet.«

»Weiß er das denn?«, fragte sie.

Ein kurzes verschmitztes Lächeln ging über das Gesicht der jungen Frau: »Sicher, aber manchmal vergisst er das auch wieder.«

»Was?«, gab sie im gleichen Ton zurück, »dass Sie verabredet sind oder dass er es weiß?«

»Beides«, lachte sie.

Eine Sonne, dachte sie, das Gesicht der Fremden betrachtend, eine Sonne, die in sich alle Dunkelheit zu bündeln vermochte und so den sie umgebenden Raum mit Licht füllte. Sie schaute auf die Uhr und überlegte: Gleich, welcher Sinn lag hinter diesem Wort? Wie viel Zeit wollte sie für Aladdins Höhle aufbringen? Zehn Minuten, eine Viertelstunde? Dieses märchenhafte »es war einmal« ließ sich mit genügend Phantasie bis ins Unendliche dehnen. Doro hätte das sicherlich für Zeitverschwendung gehalten. Sie lächelte wehmütig.

Gepriesen sei der, an dem die Zeit vorübergeht, dachte sie und dachte dabei an die Märchen aus 1001 Nacht. Aber damals, als sie entstanden, gab es noch nicht das Räderwerk, das die Zeit in kleinste Partikel zu zerstückeln vermochte.

Erst die modernen Zeiten hatten die Zeitverschwendung erfunden, dachte sie und schaute hinaus. Wie im Zeitraffer schienen sich dort die Bewegungsabläufe beschleunigt zu haben. Wohingegen es ihr hier drin so vorkam, als sei die Zeit zum Stillstand gekommen, als wäre dieser Raum, in dem sie sich befand, ein befestigter Punkt, ein Bollwerk gegen den Sog des Konsumzwangs. Sie beschloss, noch ein paar Minuten zu warten.

»Können wir den wegstellen?«, fragte sie die junge Frau und deutete auf den umgefallenen Koffer, der ihr den Weg versperrte, »ich möchte mir das Puppenhaus gerne aus der Nähe ansehen.«

»Von mir aus.«

Die junge Frau versuchte, aus dem Sessel heraus das Hindernis mit den Fußspitzen beiseitezuschieben. Aber der Koffer schien sich so nicht bewegen zu lassen.

»Das gibt´s doch nicht!«

Sie stand auf, kniete sich davor, hob den Deckel ein wenig an und schaute hinein.

»Das gibt´s doch nicht«, wiederholte sie, als sich ihr nun eine Hand mit einem Zauberstab entgegenreckte.

»Eine Marionette«, staunte sie und zog die Figur an den Armen hoch, »ein Zauberer, toll!«

»Vorsicht, Sie dürfen die Fäden nicht verwirren!«

Mit dieser Mahnung beugte auch sie sich über den ungewöhnlichen Gegenstand, um der Anderen dabei zu helfen, den kleinen Magier aus dem Koffer zu heben. Sie übernahm das Spielkreuz und beobachtete amüsiert den staunenden Kinderblick der jungen Frau, als nun die etwa 90 cm große Figur sich scheinbar zum Leben erwacht, von den Lenkfäden gehalten langsam aufrichtete.

Durch die Bleigewichte an Armen und Beinen schien es, als würde sich ein kleines Menschlein dem Gängelband, an dem es hing, entgegenstellen. Wie auf der Suche nach einem Ausweg pendelte der Kopf ziellos nach rechts und links.

»Das ist ja…!«

Die junge Frau verstummte und wich zurück, denn, nun gänzlich aus dem Koffer befreit, hatte das Ding sich unvermittelt von der Schwerkraft gelöst und schwebte auf sie zu und schwang dabei den Zauberstab in seiner rechten Hand. Die junge Frau lachte und klatschte in die Hände wie ein Kind.

»Toll«, sagte sie wieder.

 

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