9783945177198Keine Novelle

mit Illustrationen von Ruth Tauchert
1. Auflage 2015
Klappenbroschur, 130 S.
ISBN 978-3-945177-19-8
€ 9,90

Mit »Goldregenkinder« präsentiert der Free Pen Verlag sein zweites Buch von Uta Harst. Als »Keine Novelle« beschreibt die Autorin in der Unterzeile zum Titel ihre Geschichte der 30-jährigen Betty, die wegen ihrer Lebensumstände in eine tiefe Depression fällt. Als Kriegsflüchtling mit fünf Jahren vom Bruder der getöteten Mutter nach Deutschland gebracht, sieht sie für sich nun keine Zukunft mehr: Arbeitslos, schwanger und vom Vater des Kindes verlassen, wird sie in einem ungenutzten Hotelkomplex eingeschlossen. Dort trifft sie auf einen Zwerg, der sie zwingt, sich den verdrängten Kindheitserlebnissen von Krieg und Flucht zu stellen.

»Wahrheit!“, rief der Zwerg noch einmal, … „die Wirklichkeit des gelebten Augenblicks trifft jeden anders«.

 

Textauszug:

Sie öffnete die Augen. War es dunkler geworden? Die Schatten, die bisher nur ahnungsweise in den Ecken gelauert hatten, schienen nun länger zu sein.

»Was Sie unter Wahrheit verstehen, ist nur ihre individuelle Sicht der Dinge«, löste sich eine leise Stimme aus dem Zwillingssessel, der ihr im Halbprofil die Rückenlehne zuwandte, so dass sie von seinem Inhalt zunächst nur eine schmalknochige Hand mit einem goldfarbenen Runenring wahrnahm, dessen Farbe in die hölzerne Armlehne zu tropfen schien.

Eine merkwürdige Methode der Vergoldung, dachte sie und beugte sich weiter vor, um besser sehen zu können. Eine gepflegte Hand war es, langgliedrig, die Hand eines Pianisten, dachte sie, die, wie sie bei genauerer Betrachtung sah, im merkwürdigen Gegensatz zum übrigen Körper ihres Eigentümers stand. Es war ein kleines Männchen. In einen bunt gemusterten Seidenschal gehüllt, wirkte es darin eher wie ein buntes Kissen oder sonst schmückendes Beiwerk für den großen Ohrensessel. Ein Kind, dachte sie verwundert und sah im gleichen Moment, dass es sich im Gegenteil bei der merkwürdigen Gestalt um einen sehr alten Menschen handelte, der sie hinter violetten Augengläsern halb neugierig, halb spöttisch betrachtete.

»Wo kommen Sie denn her?«, entfuhr es ihr, und bevor sie sich peinlich berührt von der eigenen Schroffheit entschuldigen konnte, wiederholte der Greis, das Kinn leicht vorgeschoben, »Wahrheit, Wahrheit«, und setzte streitlustig hinzu, »was verstehen Sie schon davon!« Ein ungehobelter Kauz, dachte sie, wollte er sie provozieren? Warum? Sie starrte ihn an. Schmal und aufrecht saß der Alte in seinem Sessel, von dem aus er abwechselnd einen Blick auf sie und auf das große Fenster richtete. Stärker noch schienen dort nun die Regentropfen gegen die Scheiben zu schlagen. Die Ringhand glättete den Seidenschal, und dann fuhr der Zwerg mit dem Zeigefinger über die Konturen des orientalischen Musters.

»Wahrheit!«, rief er noch einmal, als sie sich nun kopfschüttelnd von ihm weg ganz dem Fenster zuwandte, »die Wirklichkeit des gelebten Augenblicks trifft jeden anders!«

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