Ursula Schöpf, Ein Quäntchen Glück

Ursula Schöpf, Ein Quäntchen Glück

Die Geschichte der Weberfamilie Richter in Lodz
2014
304 S., Broschur
ISBN 978-3-945177-16-7
€ 14,90

Die Lebensgeschichte Helene Richters und ihrer Tochter Ursula steht exemplarisch für Millionen Vertriebenen- und Flüchtlingsschicksale in Vergangenheit und Gegenwart. Das Buch bringt dem Leser nahe, wie sich Krieg, Enteignung und Trennung auf das Leben der betroffenen Familien auswirken. Darüber hinaus wird deutlich, dass es jederzeit nicht nur Hass, sondern auch gegenseitige Hilfe und Mitmenschlichkeit gibt. Sie wertzuschätzen, nicht zu vergessen, ist das Anliegen dieses Buches. Die Menschen haben es verdient.

Nach vielen Jahren des Abwägens und Abwartens gelingt der Verfasserin 2009 die Reise in ihre Geburtsstadt Lodz, in der ihre Angehörigen fast zwei Jahrhunderte lebten und noch leben. Anschließend schreibt sie das aktuell Erfahrene auf und erzählt die Geschichte ihrer Familie, der Weberfamilie Richter. Sie beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts mit Franz Richter. Durch traumatische Nachkriegserlebnisse, 1945 in Polen, wird die Familie, der die Flucht vor den Russen misslingt, getrennt. Aber das Familienzusammengehörigkeitsgefühl
Helene Richters ist so stark, dass es Jahrzehnte überdauert. Nach und nach holt sie ihre Eltern und Geschwister in die Bundesrepublik Deutschland, in die sie als Erste flüchtete, und wo sie versucht, an die traditionellen Familienwerte anzuknüpfen.

Authentische Berichte von Helene und Hedwig Richter, die auf Tonträgern festgehalten wurden und Erinnerungen an viele Gespräche im Kreis der Familie bestimmen Duktus und Diktion.

Textauszug:

»… ich vermisse meinen Patenonkel Leo sehr. Onkel Leo war ein freundlicher Mensch, gut aussehend, klug, schlagfertig. Wenn er den Krieg überlebt hätte, dann wäre unsere Familie zusammen geblieben und würde bestimmt noch in Lodz leben. Mit seiner Hilfsbereitschaft rettete er unserem Bäcker sein Säckchen Geld. Leo kannte den Bäcker gut. Als die Deutschen nach Polen kamen, wollten sie ihn aussiedeln. Onkel Leo kam gerade vorbei und hat das gesehen. Er blieb stehen, hat geschaut, was die deutsche Polizei dort macht. Der Bäcker hat ihm zugewunken. Leo kannte auch den Laden gut und ist in einen Nebenraum der Backstube gegangen. Nach einer Weile kam der Ladenbesitzer und gab Leo ein Säckchen Geld und bat ihn, das für ihn aufzubewahren. Leo versprach es ihm. Die Polizei erzwang die Schließung des Geschäftes. Als er den Bäcker wiedersah, gab er ihm sein Geld zurück. Aus Dankbarkeit bekam seine Mutter, Franziska Richter, meine Oma, bis zu ihrem Tode kostenlos Brot und Brötchen von ihm.

Dauernd waren die Leute mit den deutschen Vorschriften und Repressalien beschäftigt. Deine Mutter hat ihre polnische Nachbarin auf dem Arbeitsamt registriert. Wenn es nötig war, hat sie im Haushalt mitgeholfen. Damit schützte sie die etwa gleichaltrige Frau vor Umsiedlung und Zwangsarbeit. Nach dem Krieg schrieb Helene an die Nachbarin. Sie hat den Brief zur Mutter gebracht. Dadurch wusste die Familie, dass sie lebt und wo sie lebt.

Irena, eine Polin aus der Nachbarschaft, war bei meinem Vater in Jozefow registriert und hat bei ihm gearbeitet. Aber wenig, weil sie immer krank war. Später, nach Jahren, hat sich herausgestellt, dass sie mit Männern geschlafen hat. Den ganzen Tag war sie müde und krank. Ich war noch jung und hab das nicht gemerkt, voller Mitleid trug ich das von meiner Mutter gekochte Essen hin.

Nachdem die Deutschen von den Russen besiegt waren, fingen die Plünderungen an. Was den Russen und Polen nötig war, haben sie mitgenommen. Auch Irena kam. Sie wusste, dass ich einen schönen goldenen Ring besaß. Er war ein Geschenk meines Patenonkels.

›Gib den Ring her, du Schwäbin. Wenn du ihn nicht gleich runter nimmst, dann nehme ich die Axt und hacke dir den Finger ab‹, schrie sie mich an. Ich gab ihr den Ring. Unser Arbeiter Stephan war dabei und protestierte: ›Nimm ihr doch den Ring nicht weg‹. Aber sie hörte nicht auf ihn. Sie hat den Ring an sich genommen.

Andere, unbekannte Polen kamen und holten die Jugendlichen, Frauen und Männer, die noch da waren ab, und brachten sie in Lager. Mich holten sie auch. Es war Winter mit großem Frost, bestimmt minus 40 Grad. Ein Milizionär ging vor der Menschenschlange mit einem Karabiner, einer hinten, damit niemand flüchten kann. Wir gingen in einen Wald. Von den Leuten war ich die Jüngste und Schwächste. Ich konnte nicht mehr laufen. Nachts haben wir immer angezogen geschlafen, weil man wusste, dass die kommen, und man nichts mitnehmen kann. Ich blieb zurück. Der Pole kannte mich. Manche Polen wohnten in deutschen Dörfern. Ich kannte ihn nicht. Er wusste, dass ich die Tochter von Josef Richter bin. Er wollte mich vergewaltigen. Zum Glück war ich zu dick angezogen. Er riss immer wieder vergeblich an meiner Kleidung. Es fiel ihm ein, dass die Leute weglaufen könnten und da hat er mit der Hand gemacht: ›Ah, lauf fort, lauf fort und lass dich nicht mehr zeigen‹, und ging weiter. Ich blieb zurück, ging in den Wald, trotzdem ich mich nicht auskannte. Aber ich hatte einen Schutzengel. Er führte mich zur Hauptstraße. Links ist man zu meiner Oma in die Stadt gegangen und rechts nach  Jozefow zu meinem Elternhaus.

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