Monika Seyhan, Alles fließt und ändert sich

Monika Seyhan, Alles fließt und ändert sich

Roman

Broschur, 212 S.

1. Auflage 2016, ISBN 978-3-945177-38-9

€ 10,-

Die Kindheit in Deutschland erlebt Eva in einer Zeit, die von Armut und Verbitterung geprägt ist. Mit der Liebe zu Köln und vor allem zum Rhein, schafft sie sich den Ausgleich zu einem glücklichen Leben.
Die Kindheit in der Türkei erlebt Adem  in der Nähe des Göksu, dem Fluss, der die Abenteuer seiner Kindheit in einer typisch türkischen Großfamilie begleitet.
Ist es Zufall oder Kısmet, dass sich Eva und Adem als Jugendliche in Köln am Rhein begegnen? Eva stellt Adems Leben auf den Kopf, er ist verliebt und nicht sicher, ob das so sein darf. Hingerissen von Adem, diesem Exoten mit dem Blick aus schwarzen Augen und den ungewöhnlichen Liebesbezeugungen, lässt Eva sich ein auf die Faszination des Fremden.
Die fantastische Zeit der großen Liebe wird überschattet von der Frage: wird Adem sich von der Macht der Familienbande lösen und auf die Veränderung im Weiterfluss des Lebens mit Eva einlassen können?

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Auszug:

In der Stadt waren die Spuren des Krieges noch nicht verblasst. Immer noch bewegten sich Verletzte und in Lumpen gekleidete Menschen traurig und erbärmlich langsam durch die Straßen. Auf dem Kopfsteinpflaster hörte man das erste Geratter zusammengeflickter Autos. Zerstörte Häuserfassaden und Trümmerhaufen überall. Der Anblick war uns Kindern vertraut, normal, das Elend nahmen wir nicht wahr, unser Trost war der Fluss. Gleich hinter dem Haus führte ein ausgetretener Pfad durch ein kleines Gartengelände, direkt zum Rhein.
Schon der Weg dorthin entschädigte für alles, was sonst traurig und trostlos erschien. Ich liebte die ewige Bewegung des Wassers, das Wechselspiel der Farben bei Regen oder Sonnenschein.
Ich war fasziniert von den tiefen Geräuschen und dem lang anhaltenden Tuten, das aus den Schiffsbäuchen zu kommen schien. Schiffe, die sich begrüßten, wenn sie sich schwebend oder angestrengt begegneten. Die einen fuhren in Richtung Düsseldorf, die anderen in Richtung Bonn und weiter nach Königswinter, einen Ort, dessen Name ich besonders gerne hörte, er war so märchenhaft.
Mutter hatte mir erzählt, dass sich der Rhein auf seinem Weg entlang des Siebengebirges schlängelt. Jeder Berg hatte einen Namen und eine Geschichte. Der Drachenfels war der Unheimlichste, Drachen, Geister und Könige hätten dort gelebt. Auf der Spitze des Berges könne man durch die Öffnungen in den Ruinen weit ins Rheintal schauen.
Zu gerne wollte ich einmal dort hin. Vater hatte mir die Fahrt auf einem Rheindampfer versprochen. Ab Königswinter wollten wir auf dem Rücken eines Esels bis hoch auf den Drachenfels reiten.
Ich wartete darauf.
Auf unseren Spaziergängen am Rhein hatte ich besondere Freude an den weißen Dampfern, geschmückt mit vielen farbigen Fähnchen. Bei Windstille war die Musik, die von den Schiffen herüber klang, gut zu hören. Es musste herrlich sein, so zu reisen.
Wunderbar war es für mich, einen großen Bruder zu haben. So einen wie Peter, der sich um mich kümmerte, wenn Mutter zu tun hatte und Vater unterwegs war. Vater war oft unterwegs, manchmal wochenlang, und Mutter hatte für das tägliche Brot zu sorgen. Während dieser Zeit nahm Peter mich mit auf seine Hamsterzüge, wie er es nannte. Nach Marienburg, einem Nachbarort mit einstmals noblen Villen. Der Weg dorthin führte natürlich am Rhein entlang. Peter betonte jedes Mal seine Sympathie für den Fluss. Der Rhein ist gerecht, er macht keinen Unterschied zwischen Bayenthal und Marienburg, er fließt für Arm und Reich, für alle Menschen von der Schweiz bis an die Nordsee.
Obwohl ich schon laufen konnte, setzte Peter mich in den Kinderwagen. Viel lieber wäre ich auf den Wiesen zum Rhein gerannt. Aber Peter war streng, er verbot es und verstaute mich in dem korbgeflochtenen Wagen, dessen oberen Rand ich schon als kleines Kind angeknabbert hatte. ›In deinem Alter alleine am Rhein herumzulaufen ist gefährlich, erst musst du schwimmen lernen, im Sommer bringe ich es dir bei‹.
Es war Herbst.
Der blaue Sommerrhein war zu einem grauen trüben Fluss geworden. Die Sonne glitzerte nicht mehr im Wasser, die Bewegungen waren heftig. Ich hatte das Gefühl, dass der Rhein vor dem Winter schneller an sein Ziel kommen wollte.